Der Fünf-Punkte-Calvinismus nach Paul Washer / Kommentiert von Wilfried Plock

Der Fünf-Punkte-Calvinismus nach Paul Washer
Kommentiert von Wilfried Plock

Einleitung:
Im Mai 2016 fand die jährliche EBTC-Hirtenkonferenz in Wittenberg statt. Einer der Hauptredner war Paul Washer, USA. Die Konferenz schloss mit einer öffentlichen Frage- und Antwortzeit. Auf dem Podium saßen u.a. Benedikt Peters, Eberhard Dahm und Paul Washer. Christian Andresen leitete durch die Frage- und Antwortzeit, Martin Manten diente als Übersetzer.
Um es gleich vorweg zu sagen: Ich schätze alle namentlich genannten Brüder außerordentlich, und ich habe hohen Respekt vor ihrer Lebensleistung, besonders vor der von Paul Washer. Wenn ich hier dennoch einige kritische Anmerkungen mache, so tut das meiner Wertschätzung keinen Abbruch. Ich möchte in Liebe und Respekt auf einige Punkte hinweisen.

Christian Andresen eröffnete die Frage- und Antwortzeit mit der Bemerkung: „Ich übergebe als erstes an Martin Manten; er hat noch etwas klarzustellen.“
Martin Manten (MM): „Ja, ich muss gleich Buße tun, weil ich etwas falsch übersetzt habe, was von nicht geringer Bedeutung ist. Im 2. Vortrag von Paul Washer ist mir ein Lapsus passiert. Ich hab nämlich übersetzt, dass Gott die Sünden der ganzen MENSCHHEIT am Kreuz auf Christus geladen hat – und das ist nicht richtig. „of all his people“ – das ist: seines VOLKES. Warum das ein großer Unterschied ist, werdet ihr jetzt gleich in der Antwort hören.“
MM erklärt Paul Washer auf Englisch, was er falsch übersetzt hatte und bittet ihn, den Unterschied auszuführen.

Paul Washer (PW): Wenn es um theologische Fragen geht, habe ich eine gewisse Weisheit gelernt: Du willst eine Büchse nicht aufmachen, es sei denn, du hast Zeit sie auch auszulöffeln. Gelächter. Durch die Jahrhunderte hindurch gab es eine Debatte, ein Streitgespräch. Da diese Debatte bereits seit 1.800 Jahren währt, werde ich wahrscheinlich nicht in der Lage sein, sie in fünf Minuten zu erklären.

Anmerkung von Wilfried Plock: 1.800 Jahre stimmt nicht ganz; es sind ca. 1.600 Jahre her, dass Augustin erstmalig solche Gedanken äußerte (397 n.Chr.).

PW: Denn dazu müssten wir die Lehre von der totalen Verderbtheit des Menschen ausführlich behandeln und auch die ewigen Ratschlüsse Gottes. Dazu fehlt uns wirklich die Zeit.
In aller Kürze. Als Christus auf Golgatha am Kreuz hing, trug er die Sünden aller Menschen oder nur die Sünden seines Volkes, der Erwählten? Wenn ich sagen würde, dass er die Sünden der ganzen Menschheit trug, dann entsteht ein Problem mit gewissen Schriftaussagen. Er sagte ja ganz deutlich, dass er sein Leben für seine Schafe geben würde und erklärte dann explizit, dass es Leute gibt, die nicht zu seinen Schafen gezählt werden. Und es gibt noch ne Menge andere Dinge, die wir hier in Betracht ziehen müssten.

Anmerkung von Wilfried Plock: Paul Washer bezieht sich hier auf Aussagen in Johannes 10,14-16:
Ich bin der gute Hirte; und ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne; und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hof sind; auch diese muss ich bringen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde, ein Hirte sein.

Für mich entsteht hier überhaupt kein Schriftproblem, wenn man die Bibel heilsgeschichtlich versteht. „Die Schafe“ meint das Volk Israel. Christus ist zuerst für sein Volk gekommen. „Die anderen Schafe, die nicht aus diesem Hof sind“ meint die Gläubigen aus den Nationen, für die er natürlich ebenfalls sein Leben gab.

PW: Und es gibt noch ein Problem. Wenn wir sagen, Christus habe am Kreuz für alle Menschen bezahlt, wie kann es dann sein, dass gewisse Leute noch einmal zahlen müssen, nämlich dann, wenn sie in die Hölle verdammt werden?

Anmerkung von Wilfried Plock: Jeder zahlt nur einmal. Entweder Christus für uns – oder wir selbst in der Verdammnis. Washer unterscheidet hier leider nicht zwischen „idealer Universalität“ und „realisierter Universalität“. Christus hat am Kreuz die Erlösung für ALLE MENSCHEN möglich gemacht, aber real, wirklich, wird sie nur für diejenigen, die seine Erlösung durch Umkehr und Glaube ergreifen.

P.W.: Es gibt also ein paar ernste theologische Probleme, die wir in Betracht ziehen müssen. Und die klassische reformierte Soteriologie (Lehre von der Errettung) lautet, dass Christus für die Erwählten starb, eben für sein Volk.
Wenn wir das zu einem Humanisten sagen, dann ist er absolut empört. Das kann er nicht akzeptieren. Denn für den Humanisten ist der Mensch der Mittelpunkt des Universums. Er ist unbeschränkt wertvoll. Und wenn wir ihm so etwas sagen, dann kriegt er den Eindruck, dass Gott nicht liebend wäre und Vorurteile hätte. Aber die Schrift lehrt klar und deutlich, dass Gott sowohl liebend ist als auch, dass er keine Partei ergreift.

Anmerkung von Wilfried Plock: Plötzlich baut Paul Washer den Strohmann eines ungläubigen Humanisten auf. Ja, es gibt Humanisten, aber doch wohl kaum in der Gemeinde!

P.W.: Wenn du diese Frage beantworten willst, dann musst du zuerst verstehen, dass der Mensch durch und durch verdorben ist. (Washer wörtlich: du musst die Lehre der RADIKALEN Verderbnis verstehen). Alle Menschen hassen Gott von Geburt an. Wenn alle Menschen sich selbst überlassen blieben, würden sie alle Gott verwerfen und in die Hölle fahren. Sie würden lieber in der Hölle verrotten als ihre Knie vor Gott zu beugen. Wenn wir die „arminianische Position“ einnehmen würden, dann wären alle verloren.

Anmerkung von Wilfried Plock: Für Washer gibt es – wie für viele Amerikaner – nur „Calvinisten“ und „Arminianer“. Dass es zwischen schwarz und weiß noch viele Graustufen gibt, scheint ihm nicht bewusst zu sein. Dabei gibt es auch in den Staaten gottesfürchtige Theologen, die diese unbrauchbaren, menschlichen Hilfskonstruktionen (Systeme) hinter sich gelassen haben und schlicht mit den biblischen Aussagen arbeiten.
Um seine These von der „radikalen“ Verderbtheit zu stützen, macht Washer aus jedem Menschen einen Gotteshasser. Das ist einfach nicht wahr. Die Bibel widerspricht Washer. Nicht jeder Nichtchrist ist ein Gotteshasser. Nehmen wir als Beispiel den Hauptmann Kornelius. Über ihn sagt die Schrift – und zwar noch bevor er zum Glauben kam – dass er fromm und gottesfürchtig war (Apg 10,2). Washer geht über die Schrift hinaus, wenn er aus der biblischen Lehre der Verderbtheit eine „radikale“ Verderbtheit macht.

PW: Alle sind verloren. Niemand würde gerettet. Aber Gott hat in seiner Liebe beschlossen, ein Volk herauszuretten – nicht um dieser Erwählten willen, sondern um seiner Ehre willen und um der Ehre seines Sohnes willen. Gemäß seinem ewigen Ratschluss hat er diese Menschen herauserwählt, dann sandte er seinen Sohn, damit er für sie stürbe, und er sandte den Heiligen Geist, damit er in diesen die Wiedergeburt bewirkte, damit ihr Herz aus Stein in ein Herz aus Fleisch umgewandelt würde – und als Folge dessen haben sie Buße getan und geglaubt. Das ist alles, was ich dazu sagen kann, denn sonst reicht die Zeit bei weitem nicht.

Anmerkung von Wilfried Plock: Washer lehrt hier lupenrein die so genannte „unwiderstehliche Gnade“. Zuerst wirkt Gott in seinen Erwählten die Wiedergeburt – dann können diese Wiedergeborenen umkehren und glauben! In ihrem Übereifer, dass Gott ja nicht ein Fünkchen Ehre genommen wird, gehen die 5-Punkte-Calvinisten soweit, dass Gott ALLES tun muss. Der Mensch kann nichts. Er kann auch nicht umkehren und glauben. Beides muss ihm ins Herz geschenkt werden. Liebe Freunde, das lehrt die Bibel nicht! Gott rettet – aber nicht gegen den Willen des Menschen!

PW: Und wenn du jetzt aufgrund meiner Antwort wütend bist und denkst, das ist doch alles Blödsinn oder akademischer Unsinn, dann bist du nicht treu gegenüber der Schrift! Es ist eine ernste Angelegenheit und du solltest darüber ohne Zorn und ohne voreingenommen zu sein nachdenken. Und dann lass die Schrift für sich selbst reden.

Anmerkung von Wilfried Plock: Hier packt Washer die moralische Keule aus: Jeder, der die Schrift nicht mit der Brille des 5-Punkte-Calvinismus liest, ist ihr untreu? Aber hallo. Warum setzt Washer seine eigene Hermeneutik (Lehre vom Verstehen der Schrift) absolut? Es gibt andere BIBELTREUE Lehrer, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Warum muss Washer seine Sicht als die einzig richtige hinstellen und damit alle anderen „belitteln“ (klein machen)?

Christian Andresen bedankt sich und liest die nächste Frage vor: Die Schrift sagt, Gott will, dass alle Menschen gerettet werden. Schenkt Gott dann allen Menschen die Gelegenheit zur Rettung und wie werden die gerichtet, die das Evangelium nie gehört haben?

PW: Ich werde antworten und diese Herren können dann hinter mir her aufräumen. Gelächter.
Ihr habt wahrscheinlich alle schon von den fünf Punkten des Calvinismus gehört. Ich begrüße diese fünf Punkte. Aber glaubt mir, es war kein geringer Kampf, bis ich diese Punkte akzeptieren konnte. Indem ich diesen fünf Punkten zustimme, negiere ich nicht, dass die Errettung von einem gewissen Geheimnis umgeben ist. Stell dir vor, du würdest in einem Kreis fünf Pflöcke in die Erde rammen. Und dann würdest du um diese fünf Pflöcke eine Wand herumbauen. Selbst der beste Theologe sieht diese fünf Pflöcke nur von außen, und niemand kann den Denksinn Gottes voll verstehen. Wünscht Gott ganz aufrichtig, dass alle Menschen sich freiwillig entscheiden würden, ihm zu folgen? Die Antwort lautet: Ja. Wird irgendjemand das beherzigen und tun? Nein. Niemand wird es tun. Ist es, weil sie nicht dazu in der Lage sind? Genau, sie können nicht. Jetzt sagst du wahrscheinlich zu mir: Nun, wenn sie es nicht können, wieso wird Gott sie dafür richten?
Wenn wir sagen, dass sie nicht dazu in der Lage sind, dann sagen wir nicht Folgendes: Wir halten ein Buch vor die Augen eines Blinden und strafen ihn dann, weil er es nicht lesen kann.
Die Menschen können nicht zu Gott kommen, weil sie nicht zu Gott kommen WOLLEN. Und sie kommen nicht zu Gott, weil sie ihn hassen.

Anmerkung von Wilfried Plock: Hier fällt Washer wieder in das gleiche Argumentationsschema (was es aber nicht richtiger macht). Noch einmal: Nicht alle Menschen hassen Gott. Das ist einfach nicht wahr. Und wer Washers überzogene Aussage ablehnt, ist deshalb noch lange kein Humanist!

PW: Da ist ein politischer Gefangener in einer Zelle. Der König kommt zu Besuch und sagt zu dem Insassen: Du kannst herauskommen. Du musst lediglich meine Souveränität anerkennen; dann bist du frei. Der Gefangene kommt zur Tür, zieht sie zu und sagt zum König: Ich werde lieber in dieser Zelle verrotten als meine Knie vor dir zu beugen.
In der Seelsorge sage ich einer Frau oder einem Mann: „Du musst deinem Ehepartner vergeben!“ Dann sagen sie: „Ich kann das nicht.“ – Ich frage zurück: „Wieso kannst du das nicht?“ Antwort: „Ich hasse ihn!“ Die Brüder von Josef konnten nichts Gutes über ihn sagen, weil sie ihn hassten.
Gott hat seine Liebe gegenüber allen Menschen offenbart. Alle Menschen besitzen die Fähigkeit, Gott zu kennen. Aber weil ihre Herzen böse sind, hassen sie den Gott, den sie eigentlich kennen und wollen nichts mit ihm zu tun haben.
Jetzt können wir zwei Sachen machen: Wir lassen einfach alle in die Hölle gehen oder Gott kann zu seiner eigenen Ehre ein Volk herauserwählen. Er zwingt sie nicht, zu ihm zu kommen, aber er nimmt ihr böses, gotthassendes Herz und wirkt in ihnen eine Wiedergeburt. Dieses neue Herz ist jetzt mit gerechter Zuneigung gefüllt. Und wenn diese neue Herz Jesus zum ersten Mal erblickt, wird es auf unwiderstehliche Weise zu ihm gezogen – nicht durch Gewalt, sondern durch Zuneigung.

Anmerkung von Wilfried Plock: Es gäbe eine weitere Möglichkeit. Da Gott – wie Washer richtig konstatiert hat – wirklich niemand zum Glauben zwingt, wirkt er durch den Heiligen Geist an den Herzen der Menschen. Manche werden sich dann verschließen, aber andere werden Buße tun und Christus ergreifen. Buße und Glauben erwartet Gott von uns Menschen. Und wir sind nicht „so tot“, dass wir nicht umkehren und glauben könnten (vgl. Joh 5,25).

PW: Jetzt zu denen, die das Evangelium nie gehört haben. Wiederum: Wir müssen uns auf die Schrift beziehen. Sie haben keine Entschuldigung. Die Bibel lehrt, dass derjenige, der mehr von Gottes Willen wusste, eine härtere Strafe empfangen wird, wenn er ihn ablehnt. Aber letztlich hat niemand eine Entschuldigung. Die Bibel lehrt, dass es keine Atheisten gibt. Alle Menschen wissen genug über Gott, um ihn zu hassen, und alle Menschen wissen genug über Gottes Willen, um ihn abzulehnen. Und alle Menschen verletzen jeden Tag ihr Gewissen, bis es schließlich ganz abgestumpft ist.
Abschließend möchte ich Folgendes sagen: In Römer 1 lesen wir, wie Gott die Menschen dahingibt. Das bedeutet: Hitler war nichts Abnormales. Wir würden alle Hitler wie einen Chorknaben aussehen lassen, wenn Gott nicht das Böse in unseren Herzen zurückhalten würde. Am Tag des Gerichts werden wir sehen wie Gott die Menschen letztendlich und für immer dahingibt.
Gehen wir davon aus, ich hätte einen 25jährigen Sohn. Er will nichts vom Evangelium wissen, und er stirbt. Trotz allem liebe ich ihn. Aber was liebe ich an ihm? Gewisse Tugendenden und Einstellungen, gemeinsame Erinnerungen aus seiner Kindheit etc. Wie kann ich es jedoch ertragen, dass dieser Junge, mein Junge, am Tag des Gerichts in der Hölle landet? An diesem Tag wird alles Liebenswerte an ihm von ihm entfernt werden. Und meine Liebe zu ihm war nur deshalb möglich, weil Gottes allgemeine Gnade all die Jahre über das Böse in seinem Herzen zurückgehalten hat. Wenn Gott diese Gnade wegnimmt, bleibt nur noch ein Monster übrig, dass seinen eigenen Vater abschlachten würde; ein Monster, dass lieber ewig in der Hölle schmoren möchte als seine Knie vor Gott zu beugen. Satan weiß, wer Gott ist. Er weiß, dass er nicht gegen ihn gewinnen kann. Wieso spielt er sein Spiel weiter? Auch er wird lieber für alle Ewigkeit in der Hölle schmoren als seine Knie vor Christus zu beugen. Das ist kein schmeichelhaftes Bild des Menschen – aber es ist die Wahrheit.

Anmerkung von Wilfried Plock: Washer macht hier aus meiner Sicht einen schwerwiegenden theologischen Fehler. Er setzt die Gottlosigkeit Satans, der nicht mehr erlösungsfähig ist (er wurde in seinem gefallenen Zustand verewigt) mit der gefallenen Natur des erlösungsfähigen Menschen gleich. Das ist unzulässig und falsch. Christus starb nicht für den Teufel und seine Engel – wohl aber für die gefallenen Sünder. Der Mensch hat seine Gottebenbildlichkeit durch den Fall nie völlig verloren (1Mos 1,27; Jak 3,9). Ja, der Mensch kann zur Bestie werden – aber er ist und bleibt erlösungsfähig!
Auf jeden Fall ist die böse Natur des Menschen keine zwingende Grundlage, um daraus einen systemischen 5-Punkte-Calvinismus herzuleiten.

Eberhard Dahm (ED) bezeugt die Souveränität Gottes im Blick auf seinen geistig behinderten Sohn Daniel.

Dann schließt Christian Andresen (CA) diesen Teil der Frage- und Antwortzeit mit folgenden Worten ab: „Wir werden jetzt zu einer praktischen Frage übergehen. Bisher war sehr viel Theologie, wiewohl diese Fragen ja auch sehr praktisch sind, denn das ewige Leben hängt davon ab, wie wir die Sachen richtig verstehen.“

Anmerkung von Wilfried Plock: Ich will einfach nur hoffen, dass Christian Andresen damit nicht sagen wollte, dass nur solche, die mit den extremen Aussagen Washers übereinstimmen, das ewige Leben erhalten werden. Trotzdem empfinde ich seine Schlussbemerkung unpassend und unglücklich.

© Wilfried Plock, Hünfeld

2018-05-15T16:35:40+00:00