Grundlegende Annahmen der calvinistischen Theologie (Prof. Dr. Roger Olson)

Grundlegende Annahmen der calvinistischen Theologie

Prof. Dr. Roger Olson

Übersetzt von Georg Walter

 

TULIP: Die Hauptaussagen des Calvinismus werden im englischsprachigen Raum in dem Akronym TULIP zusammengefasst, das sich aus den fünf Anfangsbuchstaben folgender Begriffe zusammensetzt:

  1. Total Depravity (völlige Verderbtheit)
  2. Unconditional Election (bedingungslose Erwählung)
  3. Limited Atonement (begrenzte Sühnung)
  4. Irresistible Grace (unwiderstehliche Gnade)
  5. Perseverance of the Saints (Ausharren der Heiligen)

 

Nihilismus: Weltsicht, die von der Nichtigkeit und Sinnlosigkeit alles Bestehenden und Seienden ausgeht. Bedeutende Vertreter des Nihilismus als philosophische Strömung sind Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger.

Atheismus: Die Auffassung, dass es keinen Gott gibt.

Theismus: Der Glaube an einen persönlichen Gott, der die Welt erhält und alle Geschicke von Mensch und Welt lenkt.

Konzeptualismus bezeichnet innerhalb der mittelalterlichen Philosophie den von William von Ockham ausgehenden Nominalismus.

Anabaptisten, auch Wiedertäufer oder einfach Täufer genannt, waren radikalreformatorische Christen, die als linker Flügel der Reformation galten. Hutterer, Mennoniten und Amische gehen geschichtlich auf die Täuferbewegung zurück.

Synergismus: Unter Synergismus (griech. synergein, zusammenwirken) versteht man in der Theologie das Zusammenwirken des Menschen mit der Gnade Gottes. Der menschliche Wille trägt dieser Auffassung zufolge zu der Erlangung des Heils neben Gottes Gnade bei.

Determinismus: Die Lehre, dass alle Geschehnisse durch Ursachen bestimmbar und festlegbar sind. In der Theologie wird Determinismus mit der Lehre von der doppelten Prädestination gleichgesetzt.

Prädestination: Vorherbestimmung der Erwählten zum Heil. Die Lehre der „doppelten Prädestination besagt, dass in Gottes Gnadenwahl manche Menschen zum ewigen Heil und manche Menschen zur ewigen Verdammnis in der Hölle vorherbestimmt sind.

Nominalismus (lateinisch nominalis, in Zusammenhang mit Namen; die Erkenntnis, dass Worte bzw. Begriffe keine eigene Realität aufweisen, sondern nur im Denken existieren): Im Denken des Nominalismus ist Gott Allmacht und Wille. Was immer Gott verordnet, ist gut. Alles ist gut, weil Gott es in seinem ewigen Ratschluss vorherbestimmt. C. S. Lewis, ein Gegner des Nominalismus, zeigt die Schwäche des Nominalismus auf und stellt die Frage: Sind Dinge gut, weil Gott sagt, dass sie gut sind, oder sagt Gott, dass Dinge gut sind, weil sie gut sind?

Voluntarismus (von lat. voluntas, Wille; Lehre von der Bedeutung des Willens): Gott kann tun, was immer ihm gefällt. Gott wird durch nichts, nicht einmal durch sein eigenes ewiges Wesen (Liebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit usw.) begrenzt. Sein Handeln ist völlig frei von seinem eigenen Wesen. Der Nicht-Voluntarismus geht von der Auffassung aus, dass Gottes Handeln von seinem ewigen, unveränderlichen Wesen geleitet wird.

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Viele Evangelikale (und andere) gefallen sich in ihrem Anspruch, ihre gesamte Theologie stehe auf dem Fundament der Bibel. Doch häufig gibt es bei Personen zumindest eine Glaubensüberzeugung über Gott, die sich nicht aus der Schrift ableiten lässt. Und eine solche Glaubensüberzeugung hat viel Gewicht in Bezug auf das eigene Gottesbild. Gelegentlich stellt sich mir die Frage, ob dies tatsächlich der eigentliche Grund für scheinbar hartnäckige Debatten über die göttliche Souveränität ist. Dies wird in Luthers Debatte mit Erasmus deutlich, aber es scheint, dass dies in späteren Disputen zwischen Hochcalvinisten (und anderen deterministisch geprägten reformierten Theologen) und Arminianern (und anderen Synergisten wie den Anabaptisten) kaum noch wahrnehmbar war.

Kürzlich postete jemand eine Botschaft, die (frei wiedergegeben) so lautete: „Gott kann tun, was immer ihm beliebt und gefällt.“ Das ist ein netter Spruch, den Religionsphilosophen und Theologen als „Voluntarismus“ bezeichnen würden. (Natürlich hat dieser Begriff wie die meisten guten philosophischen und theologischen Begriffe unterschiedliche Bedeutungen, aber hier verstehe ich darunter etwas Bestimmtes – also warte ab und unterstelle noch nichts.) Die Wurzeln und Grundgedanken des philosophisch-theologischen Voluntarismus sind unter intellektuellen Historikern Gegenstand vieler Debatten. Einige sind der Auffassung, dass der Voluntarismus im christlichen Denken erstmals mit Abelard [1079-1142, Philosoph und Vertreter der Frühscholastik] in Erscheinung trat. Andere sehen die Anfänge bei Wilhelm von Ockham [1288-1347, Philosoph und Theologe der Spätscholastik], und wieder andere betrachten Duns Scotus [1266-1308, Philosoph und Theologe der Spätscholastik] als die Person, die die Lehre des Voluntarismus als erste formulierte. Aber zweifelsohne glaubten Luther und Zwingli an diese Lehre und setzten leichthin voraus, dass es sich um die korrekte Sichtweise über Gottes Souveränität handelt.

Voluntarismus wird gewöhnlich als Ausdruck des Nominalismus in Bezug auf Gottes Wesen und Willen angesehen. Der Nominalismus ging aus einer Reihe von Anschauungen im Laufe des Mittelalters in Europa hervor. Gelehrte führen ihn auf Abelard, Ockham oder Scotus zurück. Der Nominalismus weist viele unterschiedliche Aspekte auf, aber allen liegt die gemeinsame Überzeugung zugrunde, dass Universalien [Sammelbegriffe oder Allgemeinbegriffe, die lediglich abstrakt sind, im Gegensatz zu Einzeldingen, die real sind] wie „Wahrheit“, „Schönheit“ oder „Güte“ Vorstellungen oder Begriffe  sind, die keine ontologische Grundlage haben [Ontologie: die Lehre vom Sein]. Die traditionellere Sichtweise wurde einfach von der mittelalterlichen katholischen Kirche übernommen und als „Realismus“ bezeichnet. („Realismus“ hat viele Bedeutungen in der Geschichte des Denkens; hier wird der Begriff als Gegensatz zum Nominalismus in Bezug auf die Bedeutung der Universalien benutzt.) Der Realismus lehrt, dass Universalien mehr als nur Begriffe oder Vorstellungen sind; sie haben eine Art ontologische Bedeutung – sie sind „seiend“, wenn man so will. Sie existieren außerhalb des Denkens oder der Vorstellungskraft eines jeden Menschen. (Ob sie außerhalb von Gottes Sinn existieren wird unter Realisten debattiert; strikte Platonisten würden wahrscheinlich sagen, dass dies der Fall ist, während die meisten Christen mit Augustinus übereinstimmen würden, dass dies nicht der Fall ist.)

Voluntarismus ist der Glaube, dass Gott in seinen Entscheidungen und Handlungen nicht von irgendeiner ewigen, geordneten inneren Natur kontrolliert oder auch nur geleitet wird. Selbst Gott hat keine Wesensart als solche. Für einen Voluntaristen ist Gott ein ewiges Wesen von schierer Macht und Freiheit, das nicht durch irgendeine ewige innere Wesenheit eingeschränkt wird. (Die meisten Voluntaristen würden jedoch zustimmen, dass Gott von der Logik bestimmt wird. Selbst Ockham dachte dies, obwohl Luther dies scheinbar bestritt – zumindest in seiner Debatte mit Erasmus.)

Ein Nichtvoluntarist (theologischer Realist) glaubt, dass in Gott eine ewige, unveränderliche Wesensart innewohnt, die seine Entscheidungen und Handlungen kontrollieren oder zumindest leiten. Dies wurde (nach meinem besten Wissen) von allen Kirchenvätern (einschließlich insbesondere Augustinus) und allen mittelalterlichen Theologen zumindest bis Abelard eindeutig auf diese Weise gelehrt. Was Thomas von Aquin (1225-1274) darüber dachte, wird viel diskutiert, aber die meisten Gelehrten halten ihn für einen theologischen Realisten.

  1. S. Lewis war ein leidenschaftlicher Vertreter des theologischen Realismus; er verachtete den Nominalismus und Voluntarismus und führte die meisten, wenn nicht alle, Krankheiten des modernen Denkens (philosophisch wie theologisch) auf diese zurück. Sein kleines Buch The Abolition of Man ist durchweg eine Polemik gegen den Nominalismus. Lewis stellt die entscheidende Frage mit diesen Worten: „Sind Dinge gut, weil Gott sagt, dass sie gut sind, oder sagt Gott, dass Dinge gut sind, weil Dinge gut sind?“ Ein Realist oder Nichtvoluntarist würde sagen: Gott sagt, dass Dinge gut sind, weil sie es sind.

Man kann den Unterschied auf eine andere Weise ausdrücken: ein Realist oder Nichtvoluntarist glaubt, dass Gott eine ewige, unveränderliche Wesensart innewohnt, die absolut und völlig gut ist, und nicht einmal Gott selbst vermag, seine eigene Wesensart zu missachten. Gott würde seine Allmacht und seine Freiheit des Willens niemals nutzen, um Dinge zu tun, die böse sind (und im Widerspruch zu seiner eigenen Güte stehen). Ein Nominalist/Voluntarist würde sagen, Gott ließe sich durch seine Wesensart nicht begrenzen; was immer Gott zu tun entscheidet, ist automatisch gut, einfach weil Gott entschieden hat, es zu tun.

Der eindeutigste Ausdruck des Nominalismus/Voluntarismus ist mir in Ulrich Zwingli (1484-1531) begegnet, der in seinem Buch über Vorsehung unablässig argumentiert, dass alles gut ist, was auch immer Gott tut, und dass Gott keinem Gesetz unterworfen ist. (Und er versteht darunter nicht ein nur menschliches Gesetz, sondern irgendein Gesetz.) Auf diesen Gedanken stößt man erneut in Luthers Streitschrift Über den freien Willen, die er gegen Erasmus verfasste.

Tatsächlich habe ich den Eindruck beim Lesen der Luther-Erasmus Debatte, dass sie wie zwei Schiffe sind, die durch die Nacht gleiten. Sie kommunizieren nicht einmal. Und der Grund hierfür ist, dass beide von einem völlig unterschiedlichen Gottesbild in Bezug auf Gottes Wesen und Souveränität ausgehen. Erasmus glaubte als Realist, Nichtvoluntarist, dass Gott nichts tut, was schlecht ist. Luther, der ein Nominalist/Voluntarist war, glaubte, Gott könne alles tun, und dass es immer falsch sei zu sagen, „Gott kann nicht …“ (Ob Luther glaubte, Gott könne auch das tun, was ein logischer Widerspruch ist, bleibt unklar.)

Wenn jemand sagt: „Gott kann tun, was immer ihm beliebt und ihm gefällt“, werde ich an Luther und Zwingli erinnert. Würden Luther und Zwingli eine solche Aussage hören, würden sie „Amen“ rufen. Erasmus und Arminius und andere Protestanten würden ausrufen „Nein“ – Gott kann nur das tun, was mit seinem eigenen Wesen in Einklang steht (z. B. Karl Barth).

Behaupte ich, dass alle Calvinisten Nominalisten/Voluntaristen waren und sind? Oder dass Arminianer Realisten und Nichtvoluntaristen sein müssen? Nicht notwendigerweise. Es scheint mir jedoch, dass die Debatte zwischen Calvinisten und Arminianern über Gottes Souveränität oftmals ein Spiegelbild der älteren, eher grundlegenden Debatte darüber ist, ob Gott eine ewige, unveränderliche Wesensart aufweist oder nicht. Manchmal klang Calvin (1509-1564) wie ein Voluntarist (wie Zwingli) und manchmal wie ein Nichtvoluntarist. Es gibt viele Gelehrte auf beiden Seiten dieser Debatte.

Denkbar ist, dass Debatten zwischen Calvinisten und Arminianern klarer sein könnten, wenn sie ihre Überzeugungen über das Wesen Gottes verständlicher formulieren würden. Ich weiß, dass ich mit einem Calvinisten, der sich klar im Realismus/Nichtvoluntarismus positioniert, mehr gemeinsam habe und folglich mehr Übereinstimmungen teile und demzufolge eine fruchtbarere Diskussion führen kann als mit einem Calvinisten, der keine Position bezieht oder der ein überzeugter Nominalist/Voluntarist ist.

Hierbei handelt es sich um eine der entscheidenden Fragen der Theologie, wobei die Bibel nicht so hilfreich ist, wie wir es gerne hätten. Die Entscheidung, Nominalist oder Realist zu sein, ereignet sich vor der Interpretation von Bibeltexten. Für welche Richtung sollte man sich entscheiden? Vielleicht entscheidet man sich für die Konsequenzen der einen oder anderen Richtung, und folglich wird man mit den Konsequenzen, die daraus folgen, leben müssen. Zum Beispiel, wenn Gott keine ewige, unveränderliche Wesensart hat, die seine Entscheidungen beherrscht oder zumindest leitet, und wenn Gott absolut alles ohne Einschränkungen (außer vielleicht der Logik) tun kann, warum sollte man folglich nicht auch glauben, dass Gott seine Verheißungen verwerfen könnte? Kann man einem solchen Gott vertrauen?

Das grundlegende Problem ist die Sinnhaftigkeit von Aussagen wie “Gott ist ein guter Gott.” Jeder Christ, den ich kenne, bejaht diese Aussage. Aber diese Aussage würde für einen Nominalisten/Voluntaristen etwas ganz anderes bedeuten als für einen Realisten/Nichtvoluntaristen. Für Ersteren kann es nur bedeuten, dass absolute Macht, wie Gott sie besitzt, gut ist oder dass alles, was Gott tut, automatisch gut ist oder beides. Für Letzteren bedeutet es, dass in Gott selbst ein moralischer Charakter innewohnt, der es selbst Gott verbietet, gewisse Dinge zu tun – wie zum Beispiel zu lügen.

Ob wir wissen können, was “Gottes Güte” bedeutet, ist im Gegensatz zu der wesentlichen obigen Frage zweitrangig. Doch ein Realist/Nichtvoluntarist wird argumentieren, dass ein Nominalist/Voluntarist keine sinnvolle Antwort auf diese Frage hat, außer dass er sagt, was immer Gott tue, sei gut. Dann besteht natürlich zwischen Gottes Güte und der Fülle der Güte in unserer eigenen Erfahrung kein Zusammenhang, abgesehen von den Geboten Gottes. Doch Gottes Gebote sagen uns nichts über Gottes eigenes Wesen oder seine Natur.

Ich neige zu der Annahme, dass Debatten zwischen Calvinisten und Arminianern aufgrund ihrer fundamentalen philosophischen Unterschiede oft zu nichts führen. Natürlich denken beide Seiten, die Schrift bestätige ihren jeweiligen Standpunkt. Aber die Schrift selbst beantwortet an keiner Stelle die hier aufgeworfenen Fragen. Sowohl Nominalisten als auch Realisten können die Aussage „Gott ist Liebe“ auf ihre Weise lesen und interpretieren. Wenn indes ein Calvinist sagt, dass Gottes „Liebe“ sich von unserer Auffassung von Liebe unterscheidet und er darunter einen qualitativen und nicht lediglich einen quantitativen Unterschied versteht, liegt die Vermutung nahe, dass seine Aussage nominalistisch/voluntaristisch eingefärbt ist, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Man spricht eine völlig andere Sprache. Ich bin mir nicht sicher, ob sinnvolle Kommunikation auf dieser Grundlage möglich ist, da wir zwar die gleichen Begriffe verwenden, aber etwas ganz anderes darunter verstehen.

Manchmal bin ich versucht zu denken, dass es sich hierbei um DEN grundlegendsten Unterschied zwischen Christen handelt – die Frage: Hat Gott eine ewige, unveränderliche Wesensart, die seine Entscheidungen und Handlungen lenkt, wenn nicht sogar regiert? Oder ist dies nicht der Fall? C. S. Lewis betrachtete den Einfluss des Nominalismus als Wasserscheide im Denken der Kultur im Allgemeinen und sah im Nominalismus die Ursache für die meisten, wenn nicht alle, Krankheiten der modernen westlichen Kultur.

 

Diese wichtige, aber oft ignorierte theologische Frage, die ich als kontinentale Wasserscheide bezeichne, liegt vielen Debatten zwischen Calvinisten und Arminianern zugrunde. Es erscheint mir, dass die Position, die jemand in Bezug auf seine Glaubensüberzeugung über Gottes Wesen einnimmt, sehr stark die Interpretation der Bibel beeinflusst. Liest man die Bibel mit einer Neigung zum Voluntarismus (Gott hat alle Macht und freien Willen ohne irgendeine moralische Grundlage, ohne eine ewige, unveränderliche Wesensart, die Gott innewohnt), wird man die Bibel als eine Offenbarung von Gottes mächtigem Handeln und Willen und NICHT als Offenbarung von Gottes Wesen betrachten. Liest man die Bibel mit einer Neigung zum Nichtvoluntarismus, zum Realismus, wird man die Bibel als Offenbarung von Gottes Wesen lesen sowie als Offenbarung von Gottes mächtigem Handeln und Willen.

Es scheint mir, dass diese Wasserscheide der Theologie eine Erklärung dafür ist, warum Personen in theologischen Debatten offenbar überhaupt nicht miteinander kommunizieren. Sie gehen von völlig verschiedenen Grundannahmen über die letztgültige Realität aus. Dies würde erklären, warum einige Christen sagen können (wie es einer in diesem Blog tat), dass Gott alles tun kann, was ihm beliebt und ihm gefällt, und andere Christen mit Entsetzen so etwas verneinen. (Natürlich stimmen wir alle darüber ein, dass Gott tun kann, was immer ihm gefällt, aber Realisten VERSTEHEN unter „was immer ihm gefällt“ „was immer mit seinem ewigen Wesen übereinstimmt“, da Gott grundsätzlich KEIN GEFALLEN daran hat, etwas zu tun, was mit seinem Wesen unvereinbar ist.)

Ist es nun möglich, dass ein Realist ein Determinist ist? Augustinus könnte eine solche Person sein. Aber ich stelle in Frage, ob Augustinus glaubte, Gott habe alles determiniert, einschließlich das Böse. Hätte er dies vertreten, wäre er automatisch auf dem Konzil von Orange im Jahre 529 exkommuniziert worden. Spontan fallen mir keine strikten Deterministen ein, die auch eindeutig Nichtvoluntaristen/Realisten sind. Manch einer mag argumentieren, Jonathan Edwards sei ein Nichtvoluntarist/Realist gewesen, aber wenn ich seine Schriften lese, entsteht bei mir der Eindruck, dass er in dieser Frage hin- und hergerissen war, aber letztlich die Position eines Voluntaristen eingenommen hat. Ich bin offen, mich vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Beispielsweise diskutiert Edwards die Frage, ob Gott einen freien Willen hat und erklärt abschließend, dass Gott immer das tut, was völlig weise und angebracht ist. Edwards hinterlässt den Eindruck, dass er nicht denkt, Gott könne anders handeln, als er es tut. Dies mag Ausdruck der Lehre des Realismus über Gott sein, wonach Gottes ewiges Wesen das Handeln Gottes nicht nur leitet, sondern es bestimmt. Dies würde jedoch in einer deterministischen Theologie weitere ernsthafte Schwierigkeiten mit sich bringen, wenn man mit Blick auf die Hölle Gottes ewiges Wesen verstehen will.

Das größte Problem aller Christen, die ein voluntaristisches Gottesbild vertreten, ist die Hölle. Warum würde Gott eine Welt erwählen, die ewiges Leid beinhaltet? Die einzige Antwort auf diese Frage wäre, dass wir kein Recht haben Gott in Frage zu stellen, da Gott keinem Gesetz unterliegt, einschließlich einem ihm innewohnenden Gesetz. Dies jedoch macht Gott völlig undurchschaubar. Kommt man auf das Thema Hölle, verlassen viele Deterministen ihre Position als Voluntaristen („Gott kann tun, was immer ihm beliebt und ihm gefällt“) und werden zu Realisten/Nichtvoluntaristen, indem sie argumentieren, dass die Hölle notwendig sei, um eine Eigenschaft Gottes zu offenbaren – seine Gerechtigkeit. Aber dies spielt Gottes Liebe gegen seine Gerechtigkeit aus, und Letzteres scheint Ersteres in den Hintergrund zu drängen. Wenn man diese Aussage hinterfragt, wird oft gesagt, dass Gottes Liebe völlig anders sei als menschliche Vorstellungen von Liebe. Doch auch dies führt wiederum in den Voluntarismus.

  1. S. Lewis konsequentes Gottesbild auf der Grundlage des Realismus/Nicht-Voluntarismus führte ihn unweigerlich zu seiner Auffassung, dass die Hölle ein „qualvolles Refugium“ sei, das eigentlich eine Manifestation sowohl von Gottes Liebe als auch von Gottes Gerechtigkeit ist – in einer Weise, dass dies keinen Widerspruch beinhaltet.

Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass sich viele Calvinisten offenbar in Bezug auf Nominalismus/Voluntarismus und Realismus/Nichtvoluntarismus nicht im Klaren sind. Ich habe viele, viele Bücher führender Calvinisten gelesen von Calvin bis Piper, und häufig beeindruckt mich diese offensichtliche Verwirrung. Wenn sie bestimmte Fragen beantworten, nehmen sie die Sichtweise des Realismus/Nichtvoluntarismus über Gott ein, wenn sie bestimmte andere Fragen antworten, vertreten sie die Sichtweise des Nominalismus/Voluntarismus über Gott. Problematisch daran ist, dass es sich um zwei unvereinbare Sichtweisen über Gott handelt. Der Konzeptualismus ist im Grunde nur eine Form des Nominalismus, ES SEI DENN, er bedeute, dass Universalien ewige Begriffe in Gottes Sinn sind, wonach der Konzeptualismus einfach der Realismus eines Augustinus wäre. Ockhams Konzeptualismus folgte nicht dieser Linie. Konzeptualismus mag nicht reiner Nominalismus sein, aber es handelt sich um eine andere Variante des Nominalismus, der in totalem Widerspruch zum Realismus steht.

Meine Hauptaussage ist diese: WENN ein Calvinist sich in seinem Gottesbild als Realist/Nichtvoluntarist positioniert, wird er sich leichter tun, mit einem Arminianer zu kommunizieren und umgekehrt. (Nach meinem Wissensstand war kein Arminianer jemals ein Nominalist/Voluntarist.) WENN sich ein Calvinist weigert, Aussagen des Voluntarismus wie „Gott kann tun, was immer ihm beliebt und ihm gefällt“ (was Gotteserkenntnis und Gottvertrauen unmöglich macht), wird er es viel schwerer haben, den Calvinismus zu verteidigen. Die beste Verteidigung des Calvinismus ist der Voluntarismus, aber genau dies führt zu gravierenden Fragestellungen in Bezug auf Gott, die Calvinisten nicht konsequent auflösen können.

Ich will dies mit dem Argument des katholischen Theologen Hans Küng gegen den Atheismus vergleichen. (Ich vergleiche nicht den Calvinismus mit dem Atheismus!) Küng argumentiert in seinem Buch Existiert Gott?, dass Atheismus und Theismus beides grundlegende, rationale Positionen sind, aber dass der Atheismus nur auf Grundlage des Nihilismus möglich ist. Die meisten Atheisten seien jedoch nicht bereit, den Nihilismus zu akzeptieren. Küng will Atheisten zu der Überzeugung drängen, dass ihre Weltsicht das grundlegende Vertrauen in die Sinnhaftigkeit der Realität aushöhlt. Diese Tatsache ist ein „indirekter Beweis“ für den Theismus, was sich die meisten nicht eingestehen wollen.

Mit dem Calvinismus und Arminianismus verhält es sich ähnlich. Es handelt sich um grundlegende, rationale Positionen der Theologie. Aber der Hochcalvinist, der die Lehre der minutiösen Vorsehung vertritt, eine Art Fünf-Punkte-Calvinismus (TULIP), MUSS den Nominalismus/Voluntarismus vertreten, um konsequent zu sein. Die Tatsache, dass die meisten Calvinisten diese Lehre nicht konsequent vertreten, ist ein indirekter Beweis für die Korrektheit des Arminianismus (oder einer gleichen Theologie unter anderem Namen). Natürlich gibt EINIGE Calvinisten, die die Position des Nominalismus/Voluntarismus konsequent VERTRETEN, aber diese müssen auf dieser Grundlage folgerichtig zu dem Schluss kommen, dass wir nicht wissen können, ob Gott seine Verheißungen einlöst, weil ihm keine ewige, unveränderliche Wesensart innewohnt, die ihn an diese Wesensart bindet und nur an diese. Die einzig vernünftige Schlussfolgerung des konsequenten Voluntarismus ist Luthers „deus absconditus“ – der „verborgene Gott“, der sowohl Urheber des Bösen als auch des Guten ist.

 

Mit freundlicher Genehmigung von Roger Olson

 

Quellen:

Teil 1: Roger Olson, A Much Neglected Basic Choice in Theology

URL: http://www.patheos.com/blogs/rogereolson/2010/12/a-much-neglected-basic-choice-in-theology/

Teil 2: Roger Olson, More about the basic choice in theology (voluntarism versus realism)

URL: http://www.patheos.com/blogs/rogereolson/2010/12/more-about-the-basic-choice-in-theology-voluntarism-versus-realism

2020-07-17T08:28:20+02:00